Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Crossdressing

Crossdresser und Ehemann

Eine Person ist love-shy genau dann, wenn alle diese Aussagen über sie zutreffen:

  1. Sie hatte nie Geschlechtsverkehr.
  2. Sie geht selten aus, um sich mit Frauen zu treffen.
  3. Sie hatte nie eine gefühlsmäßig enge und bedeutsame Beziehung, die von romantischer oder sexueller Art war.
  4. Sie hat emotional gelitten und leidet weiterhin, weil ihr eine bedeutsame Freundschaft mit einer Frau fehlt.
  5. Sie wird schon beim Gedanken, ungezwungen und freundlich gegenüber Frauen aufzutreten, von Sorge geplagt.
  6. Sie ist heterosexuell.
  7. Sie ist männlich.

(nach Gilmartin: Shyness and Love (1987), S. 117-118)

Was sich wie eine willkürliche Festlegung liest, ist gewissermaßen tatsächlich eine. Eine Aufstellung von Kriterien war erforderlich, damit Gilmartin Probanden für seine Studie finden konnte, um also überhaupt erst eine Auswahl zu untersuchender Personen zu treffen.

Diese Kriterien weisen also nicht notwendigerweise auf eine kausal kohärente Symptomatik hin. Nicht Love-Shyness ist eine Disposition, sondern sie kann in verschiedenen Menschen der Ausdruck verschiedener zugrunde liegender Dispositionen sein. Dass Gilmartin selbst eine Gruppe der Love-Shys herausgegriffen hat, die männlichen Lesben, legt nahe, dass sich eine Untersuchung der Love-Shyness in einem konkreten Fall nicht in der Überprüfung dieser sieben Kriterien erschöpfen sollte. Denn verschiedene Theorien über die Ursachen implizieren auch verschiedene Methoden der Behandlung oder des gesellschaftlichen Umgangs mit den Betroffenen.

Ich möchte eine Theorie zur Diskussion stellen, auf die ich durch Lektüre eines Artikels, in dem das Konzept der Cross-Sexualität (cross-sexuality, cross-sexualism) vorgestellt wird, gekommen bin. Wie schon erwähnt gibt es zwischen männlichen Lesben und Autogynephilen wohl nicht zufällig eine Schnittmenge. Der Artikel vertritt die These, dass Autogynephilie nur der Ausdruck einer davon zu trennenden Ursache sei. Diese Ursache sei Cross-Sexualität:

To help myself think more clearly about this, I have started to distinguish between autogynephilia as a condition and a hypothetical cause for autogynephilia. I have called the hypothetical complex that underpins autogynephilia “crossexualism”. I am using the cross-prefix as it is already used for crossdressing, and in my own term “crossdreaming”.

Crossexualism is the cause, autogynephilia is the effect.

Depending on the individual’s biological/personal/cultural or social basis, the crossexual can develop different symptoms. Some end up crossdressing. Others start exploring transgender erotica about men being changed into women (crossdreaming). Some seek pleasure in behaving like women (crossenacting).

It could also be that crossexuals may develop other conditions, like gynemimetophilia (transsensuals, men who are attracted to pre-op transsexuals). Maybe some crossexuals become transgenderists, i.e M2F transsexuals who keep their original genitalia. But this is pure speculation on my part.

(Hervorhebungen im Original)

D. h. Cross-Sexualität ist ein Zustand, der sich je nach den Umständen unterschiedlich äußern kann. Ist ein heterosexueller Mann cross-sexuell, so kann das z. B. im Zustand der Autogynephilie oder der männlichen Lesbe bzw. in beidem resultieren. Der Mann ist möglicherweise deutlich effeminiert und wirkt sehr schüchtern im Umgang mit Frauen. Ist eine Frau in demselben Zustand, so ist sie nicht cross-sexuell und nicht schüchtern, sondern verhält sich so normal, wie es für eine homo- oder heterosexuelle Frau zu erwarten ist; sie ist ebenfalls effeminiert und initiiert einen Kontakt mit dem begehrten Geschlecht üblicherweise nicht, ist passiv. Dasselbe Verhalten gilt also bei Männern als pathologisch schüchtern und bei Frauen als das normale und nicht krankhafte Verhalten gemäß ihrer Geschlechterrolle.

M. E. ist die hier skizzierte Theorie aus mehreren Gründen eindeutig vorzuziehen. Sie folgt dem Prinzip der Theorieökonomie, indem sie viele „Störungen“ und Vorlieben, die in Zusammenhang mit der Geschlechtsidentität und der sexuellen Präferenz stehen, auf eine graduell je Person unterschiedlich ausgeprägte Ursache zurückführen kann. Aus Quantität folgt Qualität. Außerdem ist diese Theorie nicht normativ. Sie legt keine unterschiedlichen Maßstäbe an körperliche Männer und Frauen an und identifiziert Abweichungen davon nicht als behandlungsbedürftige Störungen. Sie gesteht jedem Individuum seine Sexualität zu und will es nicht konform machen, sofern das nicht vom Betroffenen selbst gewünscht wird. Die weibliche Persönlichkeit eines körperlichen Mannes wird rein deskriptiv als eine mögliche Festlegung einer Variablen der Persönlichkeit zur Kenntnis genommen.

Integriert man das Phänomen der männlichen Lesben in die Theorie der Cross-Sexualität, so wäre Cross-Sexualität eine Ursache für männliche Lesben und Love-Shyness nur ein Komplex an Kriterien, unter die zufällig auch männliche Lesben fallen. Love-Shyness wäre demnach ein Epiphänomen, das mit dem eigentlichen, einfacher zu beschreibenden und grundlegenderen, Phänomen der Cross-Sexualität verwechselt wurde. Sollte Love-Shyness, die immerhin 1,5% der männlichen heterosexuellen Bevölkerung betreffen soll, endlich in der Wissenschaft die längst überfällige Aufmerksamkeit erfahren und im Rahmen der Theorie der Cross-Sexualität untersucht werden, so könnte eine angemessene Unterstützung für die Betroffenen entwickelt werden. Ihnen könnte geholfen werden, indem sie in ihrer femininen Persönlichkeit bestätigt werden, ihre Weiblichkeit zugelassen wird und Möglichkeiten geschaffen werden, dass sie Partnerinnen finden können. Eine solide theoretische Bearbeitung der Problematik ist auch die Voraussetzung dafür, den gesamten Problembereich in der Gesellschaft bekannter zu machen, die Sensibilität dafür zu erhöhen und Strategien der Bewältigung zu etablieren.

In künftigen Artikeln werde ich Vorschläge von Gilmartin, wie Love-Shys geholfen werden kann, diskutieren und auch auf Pick Up/Game als (un)mögliche Methode der Selbsthilfe eingehen.

(Foto: Mrs B (aka Chi), Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0)

Kommentare zu: "Love-Shyness als Epiphänomen von Cross-Sexualität" (5)

  1. [...] Fehler ist, wie ich bereits ausführte, die Symptomatik Love-Shyness nicht von ihren Ursachen zu unterscheiden. Es wäre auch vorschnell, [...]

  2. [...] man die Theorie, dass der Zustand der männlichen Lesbe auf Cross-Sexualität zurückgeht, so lässt sich die Hypothese aufstellen, dass diese Präferenzen wenigstens partiell [...]

  3. [...] erwähne Stalking deshalb, weil diese Erfindung der ewigen Meckerfemastasen Love-Shys und männlichen Lesben auch die letzte Chance raubt, irgendwie Kontakt mit einer Frau aufzunehmen. [...]

  4. [...] ist sehr plausibel, dass eine Ursache für den Zustand der männlichen Lesbe Cross-Sexualität ist. Die männliche Lesbe weicht deshalb von der Rolle ab, die für ihr Körpergeschlecht [...]

  5. [...] sind die Parallelen zwischen Herbivoren und Love-Shys. Love-Shys sind dadurch definiert, dass sie nie irgendeinen annähernd intimen Kontakt zu Frauen [...]

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