Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Nach Gilmartin steht das Bewusstsein, eine männliche Lesbe zu sein, möglicherweise in Verbindung mit dem angeborenen Charakter einer Person. Das Konzept kann zumindest einen großen Teil der Männer, die von Love-Shyness betroffen sind, adäquat charakterisieren. Es dient auch als ein Erklärungsansatz, der uns das Phänomen besser verstehen lässt. Gilmartin verwirft jedoch die These, dass männliche Lesben Transsexuelle seien:

Male lesbians differ from both transsexuals and homosexuals in that they cannot conceive of themselves making love to a man. For example, after sex change surgery the male transsexual almost always wants to begin making love to a man AS A WOMAN. The male homosexual wants to make love AS A MAN to a man. The male lesbian, on the other hand, wishes that he had been born a woman. But he always makes it clear that if he indeed had been born a woman he would be a full-fledged lesbian. (…) And none of them had ever revealed any transvestite tendencies. Thus, none of them had ever experienced any urge to dress up as a woman or to put on lipstick or nail polish, etc. (Gilmartin: Shyness and Love (1987), S. 125; Hervorhebungen im Original)

Für seine Position, vermute ich, gibt es drei Gründe: (1) Als sein Buch erschien, war Transsexualität nicht so weit erforscht wie heute. Mit Transsexualität sollte der Wunsch nach einer hormonellen oder operativen Modifikation des Körpers einhergehen. Heute ist das Wissen um Transsexualität differenzierter. Es ist bekannt, dass viele Transsexuelle aus den verschiedensten Gründen keine Angleichung ihres Körpers wollen. (2) Damals wurden Transsexuelle noch mehr als heute pathologisiert, und zwar aus den falschen Gründen. Eine Diskrepanz zwischen gewissen geschlechtlichen Eigenschaften und Ausformungen, nämlich zwischen dem Gehirngeschlecht und dem Körpergeschlecht, galt als eine krankhafte Störung. Verbunden mit dieser Störung sollte eine psychologische Geschlechtsidentitätsstörung sein. Ausgehend von den aktuellen Erkenntnissen ist diese Theorie nicht mehr haltbar. (Zur Absurdität der alten diagnostischen Einordnung siehe hier und hier.) (3) Gilmartin nahm an, dass die untersuchten Personen keine Erfahrungen mit Transvestitismus haben, obwohl er nicht danach gefragt hat. Er konnte also nicht sicher ausschließen, dass einige eine Neigung zum Transvestitismus haben.

Da die Gründe (1), (2) weggefallen sind, könnten heute unter der Perspektive der Transsexualität neue Einsichten in den Zustand der männlichen Lesben gewonnen werden. Männliche Lesben lassen sich als Transsexuelle beschreiben, weil sie genau wie andere Transsexuelle ihren Körper geschlechtlich nicht modifizieren wollen und weil sie weder unter ihrem männlichen Körper, noch unter ihrer weiblichen Geschlechtsidentität leiden. Sie wollen ja gerade Frauen sein. Sie leiden aber sehr unter den sozialen Normen einer Gesellschaft, in die sie sich nicht mit ihrem Temperament und mit ihrem Körper zufriedenstellend integrieren können, etwa so, dass sie eine romantische oder sexuelle Beziehung mit einer Frau knüpfen könnten.

Diese theoretische Beschreibung ist vollkommen unproblematisch, wenn die essenzialistische Interpretation der Geschlechter nicht vorausgesetzt wird. Der Geschlechter-Essenzialismus geht davon aus, dass qua Natur die Kategorien Mann und Frau existieren. Demnach bildeten nicht die Menschen Kategorien und definierten sich Begriffe für bestimmte Zwecke, sondern die Ideen diktierten, welche Dinge unter sie fallen. Jeder Mensch sei entweder ein Mann oder eine Frau. Die Wirklichkeit stützt dieses simple Weltbild nicht. Sie spricht eher für ein (mehrdimensionales) Kontinuum zwischen den Polen männlich, weiblich, nicht-männlich und nicht-weiblich. Es dürfte der komplexen Evidenz für graduelle Ausprägungen männlich oder weiblich konnotierter Eigenschaften näher kommen, Menschen in einem solchen kontinuierlichen Raum zu verorten und nach Bedarf auch noch differenzierter den individuellen Menschen zu beschreiben. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass viele solche Eigenschaften kulturell mit einem Geschlecht verbunden sind, jedoch universell keine biologisch notwendige Verknüpfung belegt ist. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es gibt verschiedene Dimensionen des biologischen Geschlechts, deren Ausprägung als Indikatoren für „das Geschlecht“ dienen können. Sie müssen aber nicht übereinstimmen. Das chromosomale und das hormonelle Geschlecht z. B. können sich unterscheiden.

Eine Konsequenz aus dieser neuen Erklärung der männlichen Lesbe könnte sein, dass dieser Zustand noch weniger als eine Disposition einer Person gilt, deren negative Folgen an der Person zu beheben sind oder die gar selbst zu eliminieren sei. Es wäre dann vielmehr erforderlich, auf eine egalitärere Gesellschaft hinzuwirken, in der keine Gruppe privilegiert ist. Auch Männern muss gestattet sein, ihre Sexualität in einvernehmlicher Weise auszuleben.

Kommentare zu: "Transsexualität bei männlichen Lesben" (1)

  1. […] habe bereits darauf hingewiesen, dass einige männliche Lesben Transsexuelle sein könnten. Doch der Unterschied zwischen Cis- und […]

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