Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Pick Up/Game ist nutzlos

Pick Up funktioniert. Es ist ein wissenschaftliches System zur Verführung von Frauen durch Männer. Es verlangt, dass der Verführer ein Spiel initiiert, das dann von der Verführten aufgenommen wird. Beide sind zu Schauspielern geworden, zu Charaktermasken. Dieses Spiel kann nach einigen Stunden zum Sex führen, falls der „Pick Up Artist“ (PUA) sein Handwerk versteht; für den durchschnittlichen Mann ohne umfassende Pick-Up-Kenntnisse und ohne schauspielerisches Talent dauert das Spiel einige Monate oder wird von der Frau abgebrochen. Mit Pick Up kann man also Erfolge haben, wenn man als Darsteller eine Darstellerin sucht, um einen Porno ohne Zuschauer aufzuführen.

Für Love-Shys oder männliche Lesben sind die Strategien untauglich, da sie als Menschen eine emotionale Bindung zu einem Menschen suchen. In Shyness and Love heißt es dazu:

The person is not presenting his/her real self vis-a-vis the partner. The norms prevent this completely honest and open presentation of self until the relationship has reached a certain point of maturity. (…)

Now, love-shy men are extremely romantic and sentimental. This sort of play-acting (which is absolutely required by our courtship system) represents an abomination to them. They want to find someone who will accept and love them as they are. And when they spot someone with the appropriate (and much desired) long hair and pretty face, they strongly desire to intimate their very strong interest in marriage vis-a-vis that person as early in the relationship as possible. In short, they don’t want to beat around the bush. Dating and courtship for love-shy men hold no special allure. Most love-shy men would love to completely bypass the „game“ of dating and courtship, and get right into a permanent, binding relationship with their romantic image of the girl with the „long hair and pretty face“.

(S. 20, Hervorhebungen im Original)

Selbst wenn ein Love-Shy das Schauspielen so weit beherrschte, dass er eine Frau per Game blenden könnte, würde er damit nicht glücklich. Ein Mann kann durch Game tatsächlich erreichen, von einer Frau überhaupt geduldet zu werden, ohne ihr jeden Wunsch zu bezahlen. Love-Shys, die sehr romantische Vorstellungen pflegen, genügt das nicht im Geringsten. Sie wollen mit einer Frau nicht spielen, sie wollen sie begehren dürfen. Sie wünschen sich eine emotionale, liebevolle, innige Verbundenheit mit einer Frau. Sie wollen wenigstens bei ihr nicht den Mann spielen müssen, sie wollen ganz aufrichtig sie selbst sein.

Ein PUA versucht, mit seiner Methode dem Willen von Frauen zu entsprechen – praktischerweise genau dem Willen, den der PUA selbst bei der Frau auslöst, den Willen nach Intimität und schließlich Sex. Der PUA bekommt, was er sich mit seiner Methode zurechtgelegt hat – „klarmachen und entern“. Für eine männliche Lesbe wäre dieser Ausgang wenig befriedigend, geradezu langweilig, weil ihr das listige Überwältigen einer Frau kein Vergnügen bereitet. Sie sucht vielmehr nach einer gefühlsmäßigen und intellektuellen Synchronisierung mit einer Frau, die ihren vergleichsweise hohen ästhetischen Ansprüchen genügt.


↑ Lesbische Begierde – unerreichbar durch Game

Die Unverträglichkeit dieses Anliegens der Love-Shys mit dem Anliegen von PUAs nährt meinen Zweifel daran, dass Pick Up eine geeignete Strategie zur Selbsthilfe für Love-Shys sein könnte. Entweder geht mit der Anwendung von Pick Up eine Veränderung der Persönlichkeit des Mannes einher oder die Empfänglichkeit für Pick Up setzt schon gewisse obskure Einstellungen bei einem Mann voraus. Manche Koryphäen der PU-Szene bekennen sich ganz offen zu einer menschenverachtenden Gesinnung, nach der ihnen täglich frische Frauen zustehen und die übrigen Männer selbstverschuldet Untermenschen sind. Selbstredend ist diese Sortierung von Menschen in eine fortpflanzungsberechtigte Elite und einen Rest gesellschaftlich kastrierter Arbeitsdrohnen weder aus wissenschaftlichen Erkenntnissen abzuleiten, noch wäre sie als politisches Programm mit den Interessen der Arbeiterklasse vereinbar. Noch weniger wäre männlichen Lesben geholfen, wenn sie ihre Persönlichkeit, ihre Ziele und die Persönlichkeit ihrer Partnerin zunichte machen müssten, nur um gefühllosen Sex zu haben.

(Video: Ausschnitt aus dem Film „Manji“, Japan 1964)

Kommentare zu: "Pick Up/Game ist nutzlos" (8)

  1. […] für die meisten Männer, insbesondere für Love-Shys und männliche Lesben nutzlos ist, habe ich bereits gezeigt. Ich werde hier nachweisen, dass die Theorie grundsätzlich fehlerbehaftet und widersprüchlich […]

  2. Hm, wie definierst du für dich „Lesbe“ – du scheinst da sehr spezielle Vorstellungen zu haben, was eine „Lesbe“ ausmacht und was nicht.
    Wo unterscheidet sich die „männliche“ Lesbe von der „weiblichen“ Lesbe?

  3. Hi Zhen,

    hast du schon einmal daran gedacht, dass du zusätzlich eine „hochsensible“ Persönlichkeitsstruktur aufweisen könntest? Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Hochsensibilit%C3%A4t

    Ich persönlich finde, dass hochsensible Menschen, vor allem Männer in unserer feministischen Gesellschaft stark diskriminiert werden.

    Gruß,
    termi

    • Glaube ich nicht. Einige der Merkmale treffen auf mich zu, einige nicht.

      Es spricht nichts dagegen, Besonderheiten in der Persönlichkeit zu suchen und zu beschreiben. Aber auch die komplementäre Seite der „Störung“ – wie mit den Betroffenen von der Gesellschaft umgegangen wird, wie Menschen überhaupt erst zu Betroffenen gemacht werden – ist zu berücksichtigen. Vor 40 Jahren z. B. wäre es unproblematischer gewesen, nonkonformistische Auffassungen (etwa als Marxist) zu vertreten. (Ich glaube, Marxisten galten damals sogar als verwegene Typen, die von Frauen umlagert wurden. Das war wohl auch ein Grund, warum viele Männer und Frauen an den Bewegungen damals teilnahmen.) Die Postmoderne und der Genderfeminismus haben ganz sicher dazu beigetragen, Menschen auszugrenzen und nichtkonformes Denken zu pathologisieren.

  4. […] einiger Game-Richtlinien Auskunft geben. Da Game widersprüchlich und für die meisten Männer nutzlos ist, erwartete ich von meinem Selbstversuch nicht mehr, als dass die Kontaktaufnahme zu Frauen und […]

  5. […] Frau, las u. a. Texte von Esther Vilar, befasste mich mit der Evolutionstheorie und las Texte über Pick Up und Game. Viele Erkenntnisse übernahm ich, vieles verwarf ich. Ich denke, es ist nicht […]

  6. […] lehrt mich endgültig, dass PUG nutzlose Scharlatanerie ist. Auf Widersprüche der Theorie habe ich mehrmals hingewiesen. Teilweise ist die Fehlerhaftigkeit auch offensichtlich, wenn sich manche Richtungen […]

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