Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Männlich, effeminiert, gynephil

Ein Fehler ist, wie ich bereits ausführte, die Symptomatik Love-Shyness nicht von ihren Ursachen zu unterscheiden. Es wäre auch vorschnell, anzunehmen, Love-Shyness sei eine kohärente Symptomatik und korrespondiere mit genau einer verursachenden Disposition, zumal Gilmartin die Kriterien für Love-Shyness bloß arbiträr aufgestellt hat, um Studienteilnehmer auszuwählen. Die Kriterien sind nicht durch Forschung motiviert.

Umso unverständlicher ist mir die Theorie von Talmer Shockley, selbst ein Love-Shy, dass Love-Shyness eine Phobie sei (publiziert in seinem Buch The Love-Shy Survival Guide (2009)). Er erklärt:

Studying adult virgins he [Gilmartin] found, rather than a variety of reasons for their involuntary situation, a single identifiable syndrome with standard causes and symptoms. Based on shyness, love-shyness works specifically to keep romantic and sexual relationships from happening. In simplest terms, love-shyness is a phobia of romance and mating. Any romantic or prospective romantic situation induces such a high level of anxiety in the love-shy sufferer that almost any dating and sexual relationship proves impossible. The more attractive and available the romantic interest, the greater the phobia.

Ganz offensichtlich ist Shockley der o. g. Fehler unterlaufen, für eine Symptomatik eine Ursache anzunehmen. Aus Gilmartins Überlegungen geht keineswegs hervor, dass Schüchternheit oder eine Phobie die Ursache für Love-Shyness ist. Es gibt viele Entwicklungspfade, die auf Love-Shyness hinauslaufen. Sowohl das intrauterine hormonelle Milieu als auch die Persönlichkeit der erziehenden Personen sollen laut Gilmartin zum Zustand der Love-Shyness beitragen. Die Symptomatik kann auch mit physiologischen Auffälligkeiten assoziiert sein, wie z. B. postprandialer Hypoglykämie oder Allergien.

Für die Identifizierung von Ursachen, ihre Behandlung oder ihre positive Integration in das Leben des Betroffenen scheint mir der Blick auf psychische und sexuelle Merkmale aufschlussreicher als die Suche nach Abweichungen in der embryonalen oder kindlichen Entwicklung oder nach Komorbiditäten. So bedeutsam der Fokus auf diesem Bereich für die Erforschung der Bedingungen von Love-Shyness und ihre Vorbeugung auch sein mag, die Würdigung etwaiger in der jeweiligen Person aktuell wirksamer psychischer Eigenheiten dürfte zur Klärung der direkten Ursache mehr beitragen. Man müsste klären, ob die Person überhaupt effeminiert (und männliche Lesbe) ist, ob sie unter einer allgemeinen Schüchternheit leidet, ob sie autogynephil ist und ob sie transsexuell ist.

Ich denke, eine Vielzahl an Fällen von Love-Shyness geht auf die sexuelle Identität der männlichen Lesbe sowie begleitende oder alternative Merkmale der sexuellen Orientierung und der Geschlechtsidentität in Verbindung mit dem sozialen Umfeld aus geschlechtsspezifischen Normen zurück. Nicht umsonst legt Gilmartin dar, warum er nur männliche Love-Shys untersucht hat und inwiefern von diesem Zustand nur Männer beeinträchtigt sind:

(…) it is recognized that shyness afflicts women in about the same ratio and proportion as it affects men. However, it is also recognized that love-shyness is a far more deleterious condition in the male than it is in the female. In American society it is the male who is required to make the first move when it comes to the initiating of romantic relationships. This remains a hard, fast, absolute requirement of the male gender that has not been reduced or mitigated in any way by the social changes that have been instigated by the women’s liberation movement. (…)

As a result of these norms, chronic love-shyness entails far deeper and more thoroughgoing consequences for the life of an afflicted male than it does for the life of an afflicted female. For example, most love-shy women manage to successfully pass through the various stages of dating and courtship; and they manage to do this at the normal ages. Simply put, the very shy young woman is no less likely to date and to marry than is the self-confident, non-shy woman. Moreover, unless she is well below average in „looks“ there is evidence that she is no more likely than the typical self-confident woman to suffer deprivation of male companionship.

(…) Inasmuch as love-shyness blocks and impedes men from living a normal life and does not do this for women, it is clear that love-shyness is a far more momentous problem for males than it is for females.

(Gilmartin: Shyness and Love (1987), S. 118-119; Hervorhebungen im Original)

Das wahrgenommene Geschlecht, d. h. das Körpergeschlecht, ist maßgeblich für die Akzeptanz typisch weiblichen Verhaltens bei der Partnerfindung. Die Passivität, die bei Personen mit weiblichem Körpergeschlecht akzeptabel ist, ist bei Personen mit männlichem Körpergeschlecht nicht akzeptabel. Maßgeblich für das Leiden männlicher Lesben ist daher weder Schüchternheit, noch eine weibliche Geschlechtsidentität, sondern geschlechtsspezifische Normen, die den Umgang der Geschlechter miteinander regeln. Männliche Lesben sind, ähnlich akut wie Schwule vor wenigen Jahrzehnten, Opfer einer sexuell repressiven Gesellschaft, die allen Menschen, unabhängig von der und oft gegen die Entscheidung jedes einzelnen, ein Geschlecht und eine Geschlechterrolle zuweist.

Zur Lösung müssten die Privilegien von Personen mit weiblichem Körpergeschlecht restlos abgebaut werden, sodass Lesben trotz ihres männlichen Körpers in romantischen und sexuellen Beziehungen leben können. Gerade das weibliche Privileg der Passivität bei der Partnersuche, also das Privileg, umworben zu werden, Bewerber zurückzuweisen und vom „Richtigen“ gefunden zu werden, verurteilt männliche Lesben zu lebenslanger Einsamkeit. Rosa von Praunheims Feststellung „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ lässt sich heute wahrheitsgemäß auf männliche Lesben und auf Transgenderpersonen ummünzen.

Bei der Emanzipation männlicher Lesben sollte jedoch insbesondere nicht derselbe Fehler wie bei voraufgegangenen Emanzipationsbewegungen begangen werden. Nicht erneut soll eine Minderheit in die bürgerliche Gesellschaft integriert werden. Diesmal muss die bürgerliche Gesellschaft zerschlagen werden, damit die menschliche, d. h. kommunistische, beginnen kann.

Kommentare zu: "Nicht die männliche Lesbe ist pervers, sondern die Situation, in der sie lebt" (1)

  1. […] für zumindest einige Betroffene erklären. Obwohl als Hauptfaktoren das für Männer repressive Feminat im Verbund mit der kapitalistischen Gewaltordnung und als ahistorische Ursachen hormonell bedingte […]

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