Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Film

Wie ich kürzlich schrieb, sind die „einzigen Freuden, die [Betas] im Leben im Feminat bleiben, der Konsum von Pornografie und die Flucht in eine romantische Traumwelt.“ Die Pornografie spielt für Love-Shys und männliche Lesben dabei nur eine untergeordnete (aber nicht unwichtige) Rolle, da sie größtenteils eine weibliche Geschlechtsidentität haben und gegenüber Sex indifferent eingestellt sind oder die passive weibliche Rolle einnehmen wollen. (In einem künftigen Artikel werde ich diese Besonderheit ausführlicher betrachten.) Viel bedeutender sind romantische Filme als Ersatz für die unerreichbare Romantik mit einer Frau:

Basically, love-shy men are especially prone to become obsessed with anything which they consider to be romantic and esthetically pleasing. They love motion pictures which incorporate well-structured, romantic love stories that tug at the heartstrings and which „grab a person“ emotionally. Simply put, they love to be emotionally engrossed through the vicarious experiencing of love and romance, especially when the romance involves a girl whom they consider to be naturally beautiful.

(Gilmartin: Shyness and Love, S. 474)

Ein Film kann gar nicht sentimental, gefühlvoll und romantisch genug sein. Ein gutes Beispiel ist m. E. der Musical-Film „Xanadu“ (1980). Allein die Handlung ist fantastisch und wie aus einem Traum. Terpsichore (gespielt von der bezaubernden Olivia Newton-John), die Muse des Tanzes, steigt herab ins Amerika des Jahres 1980 und inspiriert den Künstler Sonny, mit einem Musiker als Partner ein Tanzlokal zu eröffnen. Ein Ausschnitt daraus mit der abschließenden Tanzszene im besagten Lokal Xanadu verrät auch etwas über den Musikgeschmack der Love-Shys:

Weil es so schön ist, zeige ich noch eine Szene. Darin materialisieren sich zu Beginn des Films die neun Musen aus einem Wandgemälde heraus. Danach wird Künstler Sonny von seiner Muse Kira (alias Terpsichore) geküsst. Allein die wunderschöne Ikonografie, die von Farbigkeit strotzt, und der heitere Tanz berühren das Herz eines Love-Shys.

An solchen Szenen springt ins Auge, warum die bevorzugte Kunst der Love-Shys nicht massenkompatibel ist. Die Lieblingsfilme von Love-Shys, die Gilmartin ermittelt hat, waren tatsächlich kommerziell nicht erfolgreich. Für den durchschnittlichen heterosexuellen Mann mit männlicher Geschlechtsidentität und die große Mehrheit der Frauen, die einen sehr männlichen Partner begehrt, ist solche Kunst – so stelle ich es mir jedenfalls vor – über die Maßen schnulzig. Ein Alphamann darf oder will sich keine romantischen Gefühle erlauben. Jenseits aller vermeintlichen oder wirklichen Schnulzenhaftigkeit beziehen Love-Shys aber etwas viel Tieferes aus dieser Kunst, nämlich die Ahnung einer unbeschwerten und überwältigenden Verbundenheit mit einer geliebten Frau, die sie sonst nirgends fühlen können. Dafür, dass Kunst und Träume als Ersatz für die echte Verbundenheit, die andere Männer erleben, herhalten müssen, sind sie ganz und gar nicht überzogen. Gilmartin unterstreicht dieses – mangels Alternativen – starke Bedürfnis, in romantische Gefühle einzutauchen:

Of course, the love-shys‘ need to become deeply lost in the vicarious experiencing of romantic emotion must be considered perfectly understandable in view of both their backgrounds and their problems. The love-shys had been quite totally lacking in the opportunity to experience emotion directly in their own lives.

(ebenda, S. 475)

Gilmartins Untersuchung von Love-Shys ist etwa 30 Jahre alt. Filme nach 1981 fehlen daher in seiner Auflistung. Das dürfte der Hauptgrund sein, dass ich sehr wenige der dort genannten Filme der Love-Shys kenne. Ich habe mich aber von der Liste leiten lassen und ein paar Filme daraus angeschaut. Und die gefielen mir auf Anhieb, auch wenn sie heute doch sehr gealtert wirken. Andererseits werden aber gerade liberal inspirierte B-Movies wie in den 1960er-1970er Jahren nicht mehr produziert.

Ein Film aus der Liste, der mir zu einem viel gesehenen Lieblingsfilm geworden ist, ist „Breezy“ (1973). Im Unterschied zu Filmen wie „Xanadu“, wo die Zuneigung sehr an der Oberfläche bleibt und nicht erwidert wird (Eine Muse darf sich eben nicht verlieben.), entwickelt „Breezy“ ein wichtiges Motiv, das sich durch viele Filme der Love-Shys zieht. Es ist die ehrliche und glaubwürdige Erzählung einer wechselseitigen Liebesbeziehung. Daran kann ein Love-Shy aufgrund seiner Lebenssituation in seiner Phantasie anknüpfen. „Breezy“ zeigt eine eigentlich aussichtslose Beziehung, in der sich zum Schluss trotz aller Hindernisse die Liebe als alles überwindende Kraft durchsetzt:

May-December romances constitute another theme which, for understandable reasons, enthralls many older love-shy men. The 1973 film BREEZY, with the late Bill Holden in the part of the older man, excited many of those interviewed. And the then 19-year old Kay Lenz, Mr. Holden’s love interest in that picture, received many votes from the love-shys as „the perfect woman“. Ms. Lenz’s role in BREEZY depicted her as being wildly assertive, nurturant, and yet flamboyantly unconventional and nonconforming. These too are traits which are very rare in attractive young women; such traits seem to excite quite well the romantic fantasies of the love-shy.

(ebenda, S. 483-484)

In der folgenden Szene werden sich Breezy und Frank bewusst, dass das für Frank Undenkbare eingetreten ist, eine Liebe über Generationen hinweg.

Abschließend will ich noch auf einen Film hinweisen, der nicht in der Liste Gilmartins steht, an dem ich aber einen Handlungsstrang faszinierend finde. Es handelt sich um den vierten und vorletzten Teil einer Filmreihe von François Truffaut über das Leben der fiktiven Figur Antoine Doinel. In „Das Ehedomizil“ (1970, auch bekannt als „Tisch und Bett“) bekommt Antoines Frau ein Kind, während er versucht, endlich in einem Job Fuß zu fassen. Einzig interessant für mich ist die Affäre mit der Japanerin Kyoko, auf die sich Antoine einlässt bzw. in die er hineingezogen wird. Mich fasziniert (1.) Kyokos Schönheit, die genau meinem Schönheitsideal entspricht, (2.) dass sie den ersten Kontakt mit einer List initiiert, (3.) dass sie Antoine mit dem ersten Kuss überrascht, (4.) dass sie ihn zum ersten Date zum Abendessen in ihre Wohnung einlädt und dort mit ihm Sex hat. Kyoko verkörpert eine Persönlichkeit, die sich Love-Shys und männliche Lesben an ihrer Partnerin wünschen könnten. Sie initiiert die ersten Schritte, riskiert also Zurückweisungen, und sie führt den Mann in der Beziehung. Dabei ist sie einzig und ganz tief ihrem Partner verbunden und sehr fürsorglich, wie in diesen Ausschnitten zu sehen ist.

Musik

The love-shys in both age groups tended to prefer vocal love ballads, Broadway show music, brassy jazz music, easy listening, film soundtracks, and light classical works. A few of them mentioned having a strong liking for country and western. On the other hand, rock music of any kind tended to be strongly disliked by the love-shys. Their objections to it, however, were based on esthetic, and not on moral grounds. Simply put, love-shy men prefer anything with rich and beautiful melody; and they dislike anything which is noisy, loud, dissonant, or unmelodic. For most of the love-shys, melody appears to be the most important element in music. And in this regard many of their contemporaries would doubtless consider them to be „old fashioned“. Thus, musical beat and lyrics matter a good deal less to the love-shy than does melody.

(Gilmartin: Shyness and Love, S. 486; Hervorhebungen im Original)

Diese Aussagen zum Musikgeschmack sind freilich im räumlichen und zeitlichen Kontext der Studie zu sehen. In den Grundzügen stimmen die Resultate auch für mich: Musik gefällt mir nur, wenn sie sehr melodisch ist, gerne auch mit weiblichem Gesang. Die Filmmusik zu „Xanadu“ ist dafür durchaus illustrativ.

Ein großer Vorteil für Love-Shys heute ist, dass sie übers Internet Zugang zu allen Filmen und Musikstücken haben, die ihnen gefallen. Gilmartin musste noch mit Bedauern konstatieren, dass gerade die Nischenprodukte, die Love-Shys nachfragen, damals schwer zugänglich waren, entweder nur in wenigen Kinos und für eine begrenzte Zeit oder nur außerhalb des Massenmusikmarkts. Ein Problem aber bleibt: Love-Shys erleben ihren Kunstgenuss nur allein. Eine Gesellschaft, in der sie mit ihren Kunstpräferenzen willkommen sind und Kunst gemeinsam mit Frauen erfahren können, ist nach wie vor ein Desiderat. Orte der Begegnung, wie es sie für Minderheiten wie Lesben und Schwule seit Langem gibt, müssten auch für die große Gruppe der Love-Shys etabliert werden, nicht um sich abzugrenzen, sondern um überhaupt Menschen zu begegnen, Erfahrungen zu tauschen und als gesellschaftliche Kraft stärker zu werden.

Kommentare zu: "Romantischer Ersatz: Film und Musik bei Love-Shys" (1)

  1. […] im Ernst, dass man ihr abnimmt, der Musikgeschmack eines Mannes – der sich in diesem Fall mit den Vorlieben vieler Love-Shys und männlicher Lesben überschneidet – könne dessen selbstbewusstes und überlegenes Auftreten und seinen beruflichen […]

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