Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Im Forum WGvdL bezog ich Stellung zu einer Reform, die Michael Klein und Arne Hoffmann in einem offenen Brief an Wikipedia-Gründer Jimmy Wales vorschlagen, nämlich die Einführung einer Klarnamenpflicht in der deutschsprachigen Wikipedia. Dazu sei noch bemerkt, dass schon der Blick auf das englischsprachige Projekt verrät, dass ein sachlicherer Ton und eine objektivere Behandlung von Themen auch ohne restriktivere Regeln möglich sind. Warum man eine so extreme Maßnahme wie eine Klarnamenpflicht bemühen will, anstatt von den Verfahrensweisen im englischsprachigen Zweig der Enzyklopädie zu lernen, ist also nicht ersichtlich. Hier mein Kommentar:

Euer Urteil über die deutsche Wikipedia trifft zu. Mit der Identifizierung von vier Mechanismen als Ursache der unwissenschaftlichen Inhalte und Verfahren liegt ihr m.E. richtig, wenn sich auch noch weitere Fehlentwicklungen ausmachen ließen (starke, starre und intransparente Hierarchien, zu enge Reglementierung in den Kriterien für Beiträge).

Das vorgeschlagene Rezept, als ersten Schritt (sic!) eine Klarnamenpflicht einzuführen, ist weder zielführend, noch durchführbar. Um die angesprochenen Probleme anzugehen, wäre vielmehr die Abschaffung von Benutzern, also die Öffnung aller Möglichkeiten des Beitragens für alle und die Maskierung jeglicher Merkmale, die einen Autor identifizierbar machen könnten (wie etwa IP-Adressen), folgerichtig. Denn um Personen sollte es in der Wissenschaft nie gehen. Die Inhalte sollten geprüft werden. Ein Wissen um Personen stört dabei nur. Ideologen hätten in einem anonymen Umfeld kaum Chancen, weil sie sich nicht profilieren könnten. Sie könnten keine Anhänger finden. Niemand könnte sich für Thesen begeistern, nur weil sie von bestimmten Benutzern forciert werden. Endlich könnten sich Debatten auf die Inhalte, auf Argumente für und gegen Aussagen, konzentrieren und könnten erst gar nicht in Kriege zwischen Benutzerfraktionen mit Angriffen auf Personen ausarten. Eine solche Anonymisierung der Wikipedia würde zugleich zu einer umfassenden Demokratisierung führen, weil der Beitrag eines jeden Anonymen gleichwertig ist. Die Praxis der Zensur durch Sperrung hätte auch ein Ende. Nur noch die sachliche Richtigkeit wäre für die Einordnung von Beiträgen maßgeblich. Eitelkeiten oder Animositäten wäre jede Grundlage entzogen.

Eine anonyme Wikipedia wäre ein Kompetenzmagnet, weil erstens sich nur das Wissen durchsetzen wird, das einer fortwährenden sachlichen Prüfung standhält, und zweitens Ideologen sich nicht etablieren können, da es keine identifizierbaren Personen gibt, also weder Ideologen „Reputation“ und Macht anhäufen können, noch irgendjemand irgendwelche Gegner für seinen Kampf gegen Personen in der Masse der Anonymen unterscheiden kann.

Zur Undurchführbarkeit der Klarnamenpflicht ließe sich noch einiges sagen. Aber ich glaube, ihr wisst selbst, das sie nicht umsetzbar ist, schon rein technisch nicht, sofern man die Wikipedia nicht zu einer Behörde ausbauen will. (Dann wäre die deutsche Wikipedia allerdings im schlechtesten Sinne richtig deutsch.) Ich habe aber auch ernste Bedenken, was den Schutz der Privatsphäre betrifft. Es gibt viele Gründe, warum jemand seine Meinung nicht unter seinem Namen äußern will. Alle diese Personen wären als Beitragende ausgeschlossen, ihre Kompetenz für die Wikipedia verloren. Die Wikipedia würde noch abgeschotteter als sie es jetzt schon ist und erst recht zu einem exklusiven Zirkel eifriger Autoren-Ideologen, die auch nicht davor zurückschrecken, ihren Namen unter ihren Unsinn zu setzen. Das würde den Niedergang der deutschen Wikipedia sehr beschleunigen. Vielleicht ist es hilfreich, an ein Vorbild aus der Wissenschaft zu erinnern: Peer Review läuft dort anonym ab, muss es auch, um die Objektivität zu wahren. Wie kann man meinen, dass Wikipedia-Nutzer diesen Prozess der Qualitätskontrolle mit Klarnamen hin bekommen, wenn sogar Wissenschaftler, die berufsmäßig richtige Theorien erarbeiten, dies nicht schaffen? Wäre es nicht äußerst naiv, auf das Hilfsmittel der Anonymität zu verzichten, wenn die Ansehung der Person ohnehin unerwünscht ist?

Es würde schon die Sachlichkeit und einen entspannteren Umgang merklich fördern, wenn die Wikipedia wieder für anonyme Beiträge geöffnet wäre so wie in den ersten Jahren, als es noch möglich war – so wie es auch intendiert war –, dass ein beliebiger Leser ohne jegliche Beziehungen zu registrierten Nutzern auf „Bearbeiten“ klickt und einen Fehler spontan korrigiert oder Lücken auffüllt, sofern er dazu in der Lage ist. Diese Interaktivität, die aktive Gestaltung durch die Nutzer, eigentlich die Aufhebung der personalen Trennung von Autoren und Lesern, war es, was die Wikipedia ausmachte. Mit eurem Vorschlag würde sich die Wikipedia von diesem Ideal noch weiter entfernen.

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