Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Christian Siefkes hat in seinem Buch Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software ausgearbeitet, wie eine kommunistische Gesellschaft, deren Produktionsweise durch die Peer-Ökonomie bestimmt ist, beschaffen sein kann. Daraus zitiere ich nur den Abschnitt, der die neue Gesellschaft dem heute herrschenden kapitalistischen Terror des Privateigentums gegenüberstellt und dabei aufzeigt, wie dysfunktional und ineffizient der Kapitalismus gesamtgesellschaftlich und insbesondere aus Sicht der unterdrückten Klasse ist. Es empfiehlt sich, das gesamte Buch zu lesen, um die Funktionsweise der Peer-Ökonomie zu verstehen. Der Autor und Gleichgesinnte schreiben auf dem Blog keimform.de.

Eine Strategie, wie dieser Kommunismus erreicht werden kann, liefert das Buch nicht, obwohl offensichtlich ist, dass die Gewalt des Privateigentums, die durch Staat und Kapital ausgeübt wird, jede ausbeutungsfreie Organisation der Gesellschaft unterbindet. Nach Marx müsste eine Diktatur des Proletariats errichtet werden, die den bürgerlichen Staat ersetzt, die Kapitalisten enteignet, also die Produktionsmittel unter die Kontrolle der Produzenten bringt, und diesen Status so lange verteidigt, bis alle oppositionellen Kräfte aufgegeben haben und die neue Gesellschaft so viel Anziehungskraft besitzt, dass sie von selbst tragfähig ist.

Hier nun das Zitat (S. 83–95, Hervorhebungen im Original):

6.6.1 Keine Indirektion mehr

Der grundlegende Unterschied, der letztlich auch alle anderen Unterschiede hervorruft, besteht darin, dass die Peer-Ökonomie direkt jenes Ziel erreicht, das die Marktwirtschaft – wenn überhaupt – nur indirekt erreichen kann: die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen zu erfüllen, ihnen das zu geben, was sie haben möchten, und ihnen ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu ermöglichen. In der Peer-Ökonomie kooperiert man mit anderen, um die gewünschten Güter zu bekommen, während man in der Marktwirtschaft etwas produziert, um Geld zu bekommen – erst damit kann man sich dann die Dinge kaufen, die man haben möchte.

Die Peer-Produktion verzichtet auf die mittlere Ebene – die Notwendigkeit, zu verkaufen, um kaufen zu können. Dieser Unterschied hat tiefgreifende Folgen, da im Kapitalismus die scheinbar harmlose mittlere Ebene (die Notwendigkeit, Geld zu »machen«) die Kontrolle übernimmt und das primäre Ziel der Produktion wird, wobei sie das ursprüngliche Ziel (die Erfüllung der Bedürfnisse und Wünsche der Menschen) in den Hintergrund drängt.

6.1.2 Keine Notwendigkeit, etwas zu verkaufen – keine Arbeitslosigkeit

In der Marktwirtschaft benötigt man Geld, um die Güter kaufen zu können, die man haben will. Wenn man nicht genug Geld hat, muss man etwas verkaufen, und wenn man sonst nichts hat, bleibt dafür nur die eigene Arbeitskraft. Wenn jedoch niemand diese Arbeitskraft haben will, hat man Pech gehabt: Man ist arbeitslos, was zumeist Armut bedeutet und den Verzicht auf einen Großteil der Dinge, die man gerne hätte.

In der Peer-Ökonomie gibt es keine Notwendigkeit, etwas zu verkaufen – weder die eigene Arbeitskraft noch sonst etwas. Zwar dürfte häufig von einem erwartet werden, Arbeit aufzuwenden, um die gewünschten Dinge zu bekommen, doch dabei geht es nur um die Beteiligung am insgesamt benötigten Aufwand. Wenn nichts zu tun ist, gibt es keinen Grund zu arbeiten, deshalb existiert »Arbeitslosigkeit« in der Peer-Ökonomie nicht einmal als Konzept.

Ob und wie viel jemand arbeitet, hängt nur vom Aufwand ab, der für die gewünschten Güter benötigt wird. Es gibt keinen Grund, mehr zu arbeiten, ja es wird nicht einmal möglich sein, darüber hinaus weitere Beiträge anerkennen zu lassen, da es ganz einfach »nichts mehr zu tun gibt«.

6.1.3 Nachfrage statt Profit als Triebkraft der Produktion

Die im letzten Absatz beschriebene Veränderung entsteht, weil die treibende Kraft der Peer-Ökonomie die Nachfrage und nicht, wie in der Marktwirtschaft, der Profit ist. In der Peer-Produktion werden Dinge produziert und Dienstleistungen organisiert, wenn es Menschen gibt, die sie haben möchten und bereit sind, gemeinsam den dafür nötigen Arbeitsaufwand zu leisten. In der Marktwirtschaft dagegen ist vorherige Nachfrage weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für die Produktion eines Gutes.

Wenn ein Unternehmen davon ausgeht, mit dem Verkauf einer Produktlinie Gewinn machen zu können, arbeitet es unter Umständen sehr hart daran, die Nachfrage dafür bei potentiellen Kund/innen zu erzeugen; tatsächlich wird ein nicht geringer Teil des Aufwands in der Marktwirtschaft dafür verwendet, Menschen den Bedarf für ein bestimmtes Produkt zu suggerieren. Andererseits ist der Bedarf für ein Produkt, egal wie dringend er ist, nicht ausreichend dafür, dass es hergestellt wird. Der Markt befriedigt die Nachfrage nicht, wenn die potentiellen Produzenten keinen Profit mit dem Verkauf an die interessierten Personen machen können, oder wenn sie einen höheren Profit damit machen können, etwas anderes zu produzieren. Die Bedürfnisse derjenigen, die arm sind, zählen daher nicht, sofern sie nicht sehr billig befriedigt werden können.

In der Peer-Produktion gibt es keine Voraussetzungen außer der Bereitschaft, seinen Teil zum allgemeinen Aufwand beizutragen. Es spielt keine Rolle, ob man arm oder reich ist. Tatsächlich existieren diese Konzepte nicht einmal: Einige Menschen werden mehr Dinge, andere weniger haben, je nach ihren individuellen Wünschen und Vorlieben, aber dies hat keinen Einfluss auf ihre Chancen, ihre zukünftigen Bedürfnisse erfüllen zu können.

Im Kapitalismus beeinflusst der Zwang zum Profit nicht nur, welche Güter produziert werden, sondern auch wie sie produziert werden. Firmen sind erfolgreicher, wenn sie nicht nur ihre momentanen, sondern auch ihre künftigen Profite beachten: Sie versuchen daher, Kund/innen »an sich zu fesseln«, indem sie ihnen den Wechsel zur Konkurrenz erschweren, und neigen dazu, Produkte zu bauen, die teures Zubehör und im Falle eines Defekts aufwändige Reparaturen oder Ersatzteile erfordern. Sie haben keinen Grund, ihre Produkte langlebiger als die der Konkurrenz zu machen, da dies nur ihren Profit beeinträchtigen würde. Und da Firmen häufig davon profitieren, Zubehör und Nachfüllmaterial für ihre Produkte zu verkaufen, gibt es auch keinen Anreiz für sie, den Ressourcenverbrauch zu senken.

In der Peer-Produktion macht es dagegen für niemand Sinn, den für Gebrauch, Reparatur oder Ersatz der Produkte nötigen Aufwand zu vergrößern. Da der Aufwand zwischen allen geteilt wird, würde man damit nur erreichen, dass man selbst mehr arbeiten muss.

Es gibt in der Peer-Produktion keinen Zwang, Profit zu machen, der beeinflusst, was produziert wird und wie es produziert wird. Vielmehr entscheiden die Vorlieben und Prioritäten der Menschen darüber, wie sie leben und welche Güter (einschließlich Dienstleistungen) sie produzieren. Kein Gebiet wird sich mehr den Anforderungen der Profitabilität unterwerfen müssen, was insbesondere – aber nicht nur – in sensiblen Gebieten wie Gesundheitsversorgung und Altenpflege ein Segen ist.

6.1.4 Konkurrenz erhält ein anderes Gesicht

Aus dem bisher Gesagten sollte man nicht schließen, dass Marktteilnehmer unmoralisch oder schlecht seien. Das sind sie durchaus nicht. Sie haben gar keine andere Wahl, wenn sie als Marktteilnehmer überleben wollen.

Sie können ihre Profite nicht aufgrund von anderen Überlegungen verkleinern, sofern ihre Konkurrenten nicht dasselbe tun (was diese nicht tun werden, wenn sie nicht durch ein Gesetz gezwungen werden). Sie müssen ihre Produktionskosten so weit wie möglich reduzieren, um ihre Kund/innen nicht an die Konkurrenz zu verlieren, die günstiger produzieren und verkaufen kann. Sie müssen ihre Profitrate auf dem in konkurrierenden Unternehmen und anderen Sektoren üblichen Niveau halten, da sonst das für Erhalt oder Vergrößerung ihres Marktanteils nötige Kapital anderswohin fließen wird (für kleine Firmen und Familienunternehmen, die kein externes Kapital benötigen, mag letzteres irrelevant sein, doch diese haben es sowieso schwer gegen die Konkurrenz der Großunternehmen und daher wenig Spielraum, sich besser zu verhalten). Die Regeln der Marktkonkurrenz sorgen dafür, dass Unternehmen zuallererst an ihre Profite denken müssen – sie können sich gar nicht anders verhalten, sonst bleiben sie im Markt auf der Strecke.

In der Peer-Ökonomie sieht dies ganz anders aus. Damit ein Projekt erfolgreich sein kann, muss es genügend Teilnehmer/innen anziehen, um seine Ziele zu erreichen. Solange dies allen Projekten, die ein bestimmtes Produkt herstellen wollen, gelingt, sind sie nicht gezwungen, miteinander zu konkurrieren. Wenn es doch Konkurrenz gibt, wird sie eher den Charakter eines sportlichen Wettbewerbs annehmen, bei dem man zeigen möchte, dass man besser ist als die anderen. Dies dürfte eher ein Spiel sein als eine ernste Angelegenheit, da das Überleben der Projekte nicht davon abhängt.

Um Teilnehmer/innen anzuziehen, wird Effizienz nach wie vor ein wichtiger Faktor sein: Wenn ein Projekt gleichwertige Güter mit weniger gewichteter Arbeit produziert, wird es für die Nutzer/innen dieser Güter attraktiver sein, da sie weniger beitragen müssen, um das Gewünschte zu erhalten. Aber nicht alle Mittel, die im Kapitalismus zur Vergrößerung der Effizienz verwendet werden, werden auch in der Peer-Ökonomie funktionieren. Schlechte Arbeitsbedingungen oder niedrige Sicherheitsstandards etwa werden kaum geeignet sein, um Teilnehmer anzuziehen. Tatsächlich wären solche Maßnahmen selbst unter dem Gesichtspunkt der Effizienz kontraproduktiv: schlechtere Arbeitsbedingungen würden die entsprechenden Arbeiten für potentielle Beitragende weniger beliebt machen, so dass ihr Gewicht bei der Aufgabenversteigerung steigen würde. Selbst wenn die Menge an (ungewichteten) Arbeitsstunden, die auf diese Weise für ein Gut benötigt werden, geringer wäre, würde es in gewichteter Arbeit vermutlich mehr kosten.

Andere Methoden, mit denen in der Marktwirtschaft häufig die Effizienz vergrößert wird, kommen in einer Peer-Ökonomie aufgrund der Bedeutung der Reputation (vgl. Kap. 2.3) kaum in Frage. Die Reputation von Personen und Projekten hängt davon ab, dass sie in den Augen der anderen »das Richtige tun«; wenn aber ein Projekt die Umwelt zerstört oder sich anderweitig schädlich oder gefährlich für seine Umgebung verhält, würde dies wohl kaum als »richtiges« Verhalten wahrgenommen. Seine Reputation würde leiden und damit auch seine Attraktivität für Teilnehmer/innen, deren eigene Reputation Schaden nähme, wenn sie mit einem solchen Projekt in Verbindung gebracht würden.

Ebenso verschaffen sich Unternehmen innerhalb der Marktwirtschaft oft einen Wettbewerbsvorteil, indem sie Geschäftsmethoden, Wissen oder Software geheim halten. In der Peer-Produktion mit ihrer auf Gemeingütern und Teilen beruhenden Philosophie dürfte man damit nicht weit kommen. Gegen diese Philosophie zu verstoßen, würde sich nachteilig auf die Reputation auswirken, während das Teilen von Wissen und Ideen – wenn sie gut sind – ein sicherer Weg ist, um die eigene Reputation zu vergrößern. Unter Marktbedingungen ist es für Unternehmen schädlich, wenn ihre neuen Ideen oder Methoden von anderen kopiert werden, da es ihnen den Vorteil nimmt, billiger produzieren zu können als diese. In der Peer-Produktion ist es von Vorteil, denn als Quelle guter neuer Ideen zu gelten kann sich nur positiv auf die Reputation auswirken.

6.1.5 Keine Trennung in Zentrum und Peripherie

Marktwirtschaftliche Konkurrenz ist ein »Spiel«, das nur eine beschränkte Anzahl von Gewinnern zulässt. So kommt es dazu, dass die Produktion eines spezifischen Gutes sich meist in der Hand einiger Unternehmen konzentriert, die es geschafft haben, die anderen auszukonkurrieren (oder sie aufzukaufen: Zusammenschlüsse von Unternehmen sind ein wichtiger Bestandteil erfolgreicher Strategien, da kleinere Marktteilnehmer oft nicht mit den größeren konkurrieren können).

Erfolgreiche multinationale Unternehmen können jedoch nur dort entstehen, wo große Mengen von Kapital vorhanden sind. Daher haben diese Unternehmen ihren Hauptsitz häufig in einem der Zentren kapitalistischer Produktion (vor allem Nordamerika, Westeuropa und Teile von Asien) oder werden zumindest von dort finanziert. Auch wenn die eigentliche Produktion oft anderswo stattfindet, geht der größte Teil der Profite in diese Zentren.

Für die Menschen außerhalb dieser Zentren ist es schwierig, erfolgreich zu konkurrieren, da ihnen meist das nötige Kapital dafür fehlt. Obwohl es durchaus möglich ist, neue Zentren zu etablieren (wie das Beispiel Asiens zeigt), können natürlich nicht alle Länder oder Regionen Zentren sein. Es kann keine Zentren ohne Peripherie geben, ebenso wie es keine Gewinner ohne Verlierer geben kann.

Mit der Peer-Produktion verschwindet die Unterscheidung zwischen Zentren und Peripherie, da weder Kapital noch andere Vorbedingungen für die erfolgreiche Teilnahme nötig sind und da Peer-Projekte nicht auf dieselbe Weise miteinander konkurrieren, wie Unternehmen es tun. Wo auch immer Menschen leben, solange sie genügend Mitstreiter/innen finden, können sie ein erfolgreiches Projekt etablieren, ohne andere Projekte mit verwandten Zielen auskonkurrieren zu müssen.

In der Peer-Produktion stellen Menschen gemeinsam Dinge für sich selbst her, nicht für den Markt. Menschen überall auf der Welt können für sich selbst erzeugen, was sie haben wollen, und da die Peer-Produktion dazu neigt, Wissen und Ressourcen als Gemeingüter zu behandeln, die geteilt werden, werden sie dabei alle ähnlich gute Ausgangsbedingungen haben.

6.1.6 Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden und auch sonst gibt es wenig Overhead

Aufgrund der Tendenz innerhalb der Peer-Produktion, Offenheit und Teilen zu bevorzugen, werden sich Innovationen viel rascher verbreiten. Und diese Verbreitung wird weit weniger Aufwand verursachen als bisher. In der Marktwirtschaft müssen Unternehmen gewaltige Anstrengungen unternehmen, um die Innovationen der Konkurrenz zu kopieren (und dabei müssen sie auch noch darauf achten, keine Patente oder Urheberrechte zu verletzen). Alternativ dazu können sie versuchen, ohne die Innovationen klarzukommen, was allerdings zur Folge hat, dass ihre Produkte nicht so gut sind oder mehr Aufwand in der Produktion benötigen, als technisch bereits möglich wäre.

In jedem Fall erfordert die Tendenz der Marktwirtschaft, Innovationen geheim zu halten oder als Eigentum zu betrachten, eine große Menge zusätzlicher Arbeit, die in einer Peer-Ökonomie unnötig ist. Dort muss das Rad nicht neu erfunden werden, wenn andere es bereits erfunden haben. Alle Innovationen können ohne Weiteres von allen übernommen werden, die sie gebrauchen können; und Verbesserungen durch andere können ohne Weiteres zum ursprünglichen Innovator zurück fließen.

Viele andere Aktivitäten, die in einer Marktwirtschaft notwendig oder sinnvoll sind, werden in einer Peer-Ökonomie nicht mehr gebraucht. Peer-Projekte haben wenig Anlass, Nachfrage für ihre Produkte zu erzeugen (vgl. Kap. 6.1.3); sie müssen die Aktivitäten »konkurrierender« Projekte nicht so genau verfolgen, wie Unternehmen dies tun (weil sie nicht auf dieselbe Weise konkurrieren); und der ganze Mehraufwand, der mit der Akquisition und Verwaltung von Kapital einhergeht, fällt weg.

Noch wichtiger ist der zusätzliche Aufwand, den die Marktwirtschaft außerhalb der Unternehmen erfordert. Heute müssen die Menschen unzählige Stunden damit verbringen, sich Arbeitsplätze zu suchen (vor allem diejenigen, die keine finden können) oder sich für Berufe auszubilden, die sie dann später doch nicht ausüben können. Eine riesige Bürokratie ist damit beschäftigt, die Arbeitslosen zu verwalten; es gibt ganze Industrien, die Geld investieren oder verleihen und sich um Verwaltung und Anlage der angesammelten Profite kümmern. Nichts davon ist in einer Peer-Ökonomie nötig.

Zudem werden die Kontrollmechanismen der heutigen Gesellschaft – Gesetze, Polizei, Gefängnisse, Regierungen – hauptsächlich gebraucht, um das für die Marktwirtschaft nötige Regime des Privateigentums durchzusetzen (indem Menschen daran gehindert werden, Dinge zu verkaufen oder zu benutzen, die als Eigentum anderer gelten) und um Menschen davon abzuhalten, sich Geld auf gesellschaftlich nicht gewünschte Weise zu verschaffen. In einer Peer-Ökonomie fällt der Zwang zum Geldverdienen weg und die Menschen können sich alles, was sie haben möchten, verschaffen, indem sie zu einem Projekt ihrer Wahl beitragen. Die genannten Kontrollmechanismen werden daher nur in stark abgespeckter Form oder gar nicht mehr nötig sein (vgl. Kap. 8.4 für eine genauere Diskussion der Frage, was für Regulationsmechanismen weiterhin nötig sein könnten).

Mittels Peer-Produktion können die Menschen nicht nur ein ungekanntes Maß an Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten – sie müssen dafür auch weniger arbeiten als bisher. Weil der ganze Mehraufwand wegfällt, den Marktwirtschaft und Privateigentum benötigen, kann die Peer-Produktion eine Effizienz erreichen, von der die glühendsten Verfechter/innen des Marktes nicht einmal zu träumen wagen.

6.1.7 Die Peer-Ökonomie benötigt Knappheit nicht, sondern kann sie umgehen

Märkte funktionieren nur für Güter, die knapp sind, d.h. für die die Nachfrage höher als das verfügbare Angebot ist. Wenn es keine Knappheit gibt und das Angebot die Nachfrage übersteigt, wird der Preis eines Produktes zu fallen beginnen, da die konkurrierenden Produzenten versuchen müssen, ihren jeweiligen Marktanteil zumindest zu verteidigen. Dadurch reduziert sich das Angebot, da einige Produzenten unter diesen Umständen nicht mehr in der Lage sind, profitabel zu produzieren, oder sich lieber anderen Geschäftsbereichen zuwenden, in denen sie höhere Profite erzielen können. Der Preisverfall sorgt also dafür, dass das Angebot des Gutes fällt, bis es wieder ausreichend knapp ist und sich die Preise stabilisieren.

Die sich so ergebende Knappheit entsteht aus den Entscheidungen der Produzenten, sie ist nicht absolut. In der Regel könnten die Produzenten die produzierte Menge ohne Weiteres vergrößern, um zusätzliche Nachfrage zu erfüllen, tun dies aber nicht, weil es ihren Profit gefährden würde. Sie werden nicht zu Preisen verkaufen, die ihr Profitniveau verringern – sie können dies nicht einmal, wie oben erläutert wurde, da die Konkurrenz sie sonst an die Wand drücken würde. Aus diesem Grund befriedigen Märkte fast nie die gesamte Nachfrage, da normalerweise nicht alle Interessent/innen in der Lage sind, sich das Preisniveau zu leisten, das für die Profite am besten ist.

Außerdem können Güter nur dann auf dem Markt verkauft werden, wenn Menschen einen Grund haben, sie zu kaufen, und man kauft keine Güter, die man anderswo ohne Bezahlung bekommen kann. Im Allgemeinen versuchen Markt-Produzenten daher, alle Alternativen, die den Menschen einen freien Zugang zu den von ihnen produzierten (oder vergleichbaren) Gütern ermöglichen, zu zerstören oder für illegal zu erklären. Daher verlangen Unternehmen, deren Geschäftsmodell darauf beruht, Software, Musik oder Filme zu verkaufen, nach Urheberrechten, die Menschen daran hindern, das, wofür sie bezahlen sollen, einfach zu kopieren. Damit werden Dinge knapp gehalten, die es normalerweise nicht wären (wenn sie erst einmal produziert sind).

Diese Knappheit erzeugenden Gesetze werden natürlich damit gerechtfertigt, dass ohne sie das fragliche Gut überhaupt nicht produziert würde, da kein Profit damit gemacht werden könnte. Innerhalb des marktwirtschaftlichen Systems ist dies oft tatsächlich der Fall (nicht immer, da Geschäftsmodelle, die nicht oder nicht mehr funktionieren, meist rasch durch Alternativen ersetzt werden, die wieder Gewinne ermöglichen). In der Marktwirtschaft werden tatsächlich nur Dinge produziert, die mit Profit verkauft werden können, und nur Dinge, die auf irgendeine Art knapp sind, können mit Profit verkauft werden. Märkte benötigen daher nicht nur Knappheit, um stabil zu bleiben – sie erzeugen sie auch in jedem Gut, mit dem sie in Kontakt kommen.

Die Peer-Produktion dagegen braucht keinerlei Knappheit. Vielmehr betrachtet sie Knappheit als Problem, mit dem man umgehen muss. Und ohne die Tendenz des Marktes, Knappheit zu erzeugen, wird diese vermutlich gar kein allzu großes Problem mehr sein. Ohne die Knappheit, die durch den Zwang zum Profit entsteht, bleiben nur noch zwei Ursachen von Knappheit erhalten: die beschränkte Verfügbarkeit menschlicher Arbeit und die beschränkte Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen.

Menschliche Arbeit ist jedoch gar nicht wirklich knapp, wie die Existenz massiver Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in heutigen Volkswirtschaften zeigt. In einer auf Peer-Produktion beruhenden Ökonomie wird sie aufgrund der oben dargestellten höheren Effizienz vermutlich noch weniger knapp sein. Welche Güter in einer Peer-Ökonomie produziert werden und welche nicht, hängt nicht von der Knappheit menschlicher Arbeit ab, sondern von den Prioritäten der Menschen.

Es kann vorkommen, dass Peer-Projekte ihre Ziele nicht erreichen, weil sie nicht genügend Teilnehmer/innen finden, die bereit sind, die erforderlichen Beiträge zu leisten. Dieses Problem hat jedoch mit Knappheit menschlicher Arbeit nichts zu tun – schließlich werden diejenigen, die nicht beim Projekt mitmachen, kaum alle bis zum Umfallen schuften! Im Scheitern des Projekts drücken sich vielmehr die Prioritäten der Menschen aus: in diesem Fall ziehen es die meisten offensichtlich vor, ihre Zeit anders zu verwenden, als zu dem fraglichen Projekt beizutragen – selbst wenn sie die Produkte des Projekts gerne hätten, sind sie ihnen den nötigen Aufwand offenbar nicht wert. Sie wurden mit einem Trade-off konfrontiert und haben eine Entscheidung getroffen. Was produziert wird und was nicht, hängt in der Peer-Produktion von den Entscheidungen der Menschen ab und nicht von Knappheit.

Die beschränkte Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen wird auch weiterhin in manchen Fällen ein Problem sein, doch mit dem oben vorgeschlagenen Allokationsmodell für Ressourcen (vgl. Kap. 5.5) wird sie nur noch ein Faktor sein, der die Entscheidungen der Menschen beeinflusst. Da knappe Ressourcen unter denen, die sie haben möchten, versteigert werden, wird sich der Produktionsaufwand für ein Gut, das eine solche knappe Ressource benötigt, automatisch vergrößern. Die Interessent/innen müssen sich also entscheiden, ob sie wirklich bereit sind, den benötigten Aufwand zu leisten oder nicht. Je wichtiger ihnen die Produkte sind, für die sie die Ressource brauchen, desto mehr Aufwand werden sie aufzubringen bereit sein. Da Aufwand in gewichteten Stunden gemessen wird, sind alle in derselben Position, wenn sie die Entscheidung treffen, ihn zu erbringen oder nicht. Ob knappe Ressourcen involviert sind oder nicht, die Peer-Produktion beruht auf den Entscheidungen der Menschen darüber, wo ihre Prioritäten liegen und wie wichtig ihnen die jeweiligen Güter wirklich sind.

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