Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

Gemeinschaften von Weibern sind viele vorstellbar, nämlich überall, wo Weiber sich zusammenfinden. Der Terminus Weibergemeinschaft ohne weitere Qualifizierung – bereits für das 16. Jh. belegt – meint aber etwas sehr Spezifisches, eine Organisationsweise der sexuellen Interaktion zwischen Menschen. Nur diese ist Gegenstand der folgenden Betrachtung. Da das Wort heute nicht mehr gebräuchlich ist, findet es sich nicht in Nachschlagewerken der Gegenwartssprache. Das „Deutsche Wörterbuch“ (erstellt von 1838 bis 1961) liefert diese Definition:

die sitte dasz ein weib einer anzahl von brüdern oder sonst verbundenen männern gemeinsam angehört

Marx gebrauchte den Ausdruck nur in zwei Texten, in einem nicht zur Veröffentlichung bestimmten Manuskript aus dem Jahr 1844 und mit Engels als Koautor im „Manifest der Kommunistischen Partei“ (1848). Die Stellen lauten:

↓ Zitat ab hier ↓

Der Kommunismus endlich ist der positive Ausdruck des aufgehobnen Privateigentums, zunächst das allgemeine Privateigentum. Indem er dies Verhältnis in seiner Allgemeinheit faßt, ist er

1. in seiner ersten Gestalt nur eine Verallgemeinerung und Vollendung desselben; als solche zeigt er sich in doppelter Gestalt: einmal ist die Herrschaft des sachlichen Eigentums so groß ihm gegenüber, daß er alles vernichten will, was nicht fähig ist, als Privateigentum von allen besessen [zu] werden; er will auf gewaltsame Weise von Talent etc. abstrahieren. Der physische, unmittelbare Besitz gilt ihm als einziger Zweck des Lebens und Daseins; die Bestimmung des Arbeiters wird nicht aufgehoben, sondern auf alle Menschen ausgedehnt; das Verhältnis des Privateigentums bleibt das Verhältnis der Gemeinschaft zur Sachenwelt; endlich spricht sich diese Bewegung, dem Privateigentum das allgemeine Privateigentum entgegenzustellen, in der tierischen Form aus, daß der Ehe (welche allerdings eine Form des exklusiven Privateigentums ist) die Weibergemeinschaft, wo also das Weib zu einem gemeinschaftlichen und gemeinen Eigentum wird, entgegengestellt wird. Man darf sagen, daß dieser Gedanke der Weibergemeinschaft das ausgesprochne Geheimnis dieses noch ganz rohen und gedankenlosen Kommunismus ist. Wie das Weib aus der Ehe in die allgemeine Prostitution, so tritt die ganze Welt des Reichtums, d.h. des gegenständlichen Wesens des Menschen, aus dem Verhältnis der exklusiven Ehe mit dem Privateigentümer in das Verhältnis der universellen Prostitution mit der Gemeinschaft. Dieser Kommunismus – indem er die Persönlichkeit des Menschen überall negiert – ist eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt. Der Gedanke jedes Privateigentums als eines solchen ist wenigstens gegen das reichere Privateigentum als Neid und Nivellierungssucht gekehrt, so daß diese sogar das Wesen der Konkurrenz ausmachen. Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung von dem vorgestellten Minimum aus. Er hat ein bestimmtes begrenztes Maß. Wie wenig diese Aufhebung des Privateigentums eine wirkliche Aneignung ist, beweist eben die abstrakte Negation der ganzen Welt der Bildung und der Zivilisation, die Rückkehr zur unnatürlichen Einfachheit des armen, rohen und bedürfnislosen Menschen, der nicht über das Privateigentum hinaus, sondern noch nicht einmal bei demselben angelangt ist.

(Karl Marx: „Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844“, Marx-Engels-Werke, Ergänzungsband, 1. Teil, S. 534–535)

und

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Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden.

Aber ihr Kommunisten wollt die Weibergemeinschaft einführen, schreit uns die ganze Bourgeoisie im Chor entgegen.

Der Bourgeois sieht in seiner Frau ein bloßes Produktionsinstrument. Er hört, daß die Produktionsinstrumente gemeinschaftlich ausgebeutet werden sollen, und kann sich natürlich nichts anderes denken, als daß das Los der Gemeinschaftlichkeit die Weiber gleichfalls treffen wird.

Er ahnt nicht, daß es sich eben darum handelt, die Stellung der Weiber als bloßer Produktionsinstrumente aufzuheben.

Übrigens ist nichts lächerlicher als das hochmoralische Entsetzen unserer Bourgeois über die angebliche offizielle Weibergemeinschaft der Kommunisten. Die Kommunisten brauchen die Weibergemeinschaft nicht einzuführen, sie hat fast immer existiert.

Unsre Bourgeois, nicht zufrieden damit, daß ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen.

Die bürgerliche Ehe ist in Wirklichkeit die Gemeinschaft der Ehefrauen. Man könnte höchstens den Kommunisten vorwerfen, daß sie an Stelle einer heuchlerisch versteckten eine offizielle, offenherzige Weibergemeinschaft einführen wollten. Es versteht sich übrigens von selbst, daß mit Aufhebung der jetzigen Produktionsverhältnisse auch die aus ihnen hervorgehende Weibergemeinschaft, d.h. die offizielle und nichtoffizielle Prostitution, verschwindet.

(Karl Marx, Friedrich Engels: „Manifest der Kommunistischen Partei“, Marx-Engels-Werke, Band 4, S. 478–479)

Abgesehen von dieser Stelle im „Manifest“, von der wie vom gesamten Manifest unmöglich exakt gesagt werden kann, inwiefern Engels an der Abfassung beteiligt war, äußert sich Engels auf den ersten Blick eher ablehnend zur Weibergemeinschaft. (Ob seine Einlassungen auf den zweiten Blick auch noch so zu interpretieren sind, wird zu klären sein.) Er erwähnt sie in einigen Briefen und sonst nur in „Grundsätze des Kommunismus“ (1847), einer Vorarbeit des „Manifests“, und in seiner viel zitierten Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884). Die „Grundsätze des Kommunismus“ sind ein Programmentwurf in Frage-Antwort-Form, den Engels für den Bund der Kommunisten anfertigte. Als vorläufige, nicht zur Veröffentlichung bestimmte, Skizze diente das Dokument als Ideensammlung. Erst auf dieser Basis entstand das „Kommunistische Manifest“. In der Antwort auf die 21. Frage ist von der Weibergemeinschaft die Rede:

↓ Zitat ab hier ↓

21. F[rage]: Welchen Einfluß wird die kommunistische Gesellschaftsordnung auf die Familie ausüben?

A[ntwort]: Sie wird das Verhältnis der beiden Geschlechter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die beteiligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bisherigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet. Hierin liegt auch die Antwort auf das Geschrei hochmoralischer Spießbürger gegen kommunistische Weibergemeinschaft. Die Weibergemeinschaft ist ein Verhältnis, was ganz der bürgerlichen Gesellschaft angehört und heutzutage in der Prostitution vollständig besteht. Die Prostitution beruht aber auf dem Privateigentum und fällt mit ihm. Die kommunistische Organisation also, statt die Weibergemeinschaft einzuführen, hebt sie vielmehr auf.

(Friedrich Engels: „Grundsätze des Kommunismus“, Marx-Engels-Werke, Band 4, S. 377)

In der Arbeit „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ findet die Weibergemeischaft nur kurz Erwähnung im Rahmen historischer Betrachtungen über Familienformen. Da Engels dort nichts zur Ausbildung der Weibergemeinschaft im Kommunismus sagt und keine Wertung vornimmt, lohnt es nicht, diese Stelle zu zitieren.

Eine Einordnung in die Schriften von Marx und Engels

Zunächst ist zu bemerken, dass Marx und Engels sich möglicherweise ambivalent auf die Weibergemeinschaft beziehen. Einerseits sei sie nur die offene Fortsetzung der heuchlerischen Form der Weibergemeinschaft, die in der bürgerlichen Ehe besteht. Andererseits werde sie laut Engels im Kommunismus aufgehoben. Doch schon bei oberflächlicher Lektüre muss hier zur Vorsicht gemahnt werden. Denn welche Bedeutungen hier mit dem Verb aufheben abgerufen werden sollten, bleibt unklar. Meinte Engels „auf eine höhere Ebene heben“, „aufbewahren, konservieren“ oder „beenden“? Meinte er in Anlehnung an Hegel alle drei Lesarten? Eine unzweifelhafte Ablehnung der Weibergemeinschaft lässt sich daraus jedenfalls nicht ableiten.

Einen weiteren Anlass zur Vorsicht bei der Interpretation liefert die Tatsache, dass sich Marx oder Engels nur in einem einzigen zur Veröffentlichung bestimmten Text über die Weibergemeinschaft im Kommunismus äußern, eben im „Kommunistischen Manifest“. Diese Stelle ist auch deshalb nicht als abschließende Behandlung des Themas zu verstehen, da Marx in späteren Werken sich von manchen Thesen des Manifests distanzierte und sich nicht mehr dazu hinreißen ließ, Bilder des Kommunismus als des künftigen Idealzustands der Gesellschaft zu zeichnen. Er folgte damit einer Definition, die er und Engels schon 1845 in der „Deutschen Ideologie“ festhielten:

↓ Zitat ab hier ↓

Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.

(Karl Marx, Friedrich Engels: „Die deutsche Ideologie“, Marx-Engels-Werke, Band 3, S. 35)

Ein Bekenntnis gegen die sexuelle Unterdrückung

Die falsche Marx-Interpretation durch so manche Feministen, die sich irrtümlich in einer marxistischen Tradition wähnen, und die Dämonisierung eines nie hinterfragten, aber populären, Zerrbildes der Marxschen Theorie durch die maskulistischen Kritiker des Feminismus haben viel unnötige Verwirrung gestiftet. Marx verfolgte nicht im Entferntesten feministische Anliegen und Feministen können sich zur Rechtfertigung ihrer staatshörigen Vorhaben und der Ausbeutung der Männer durch das Feminat nicht auf Marx berufen. Hätten Feministen Marx gelesen und verstanden, wären sie entsetzt darüber, wie sehr er sich gegen die Knechtung ganzer Volksteile und für maximale Individualität ausspricht. Eine Apologetik des feministischen Dirigismus lässt sich aus Marx‘ Schriften nicht ableiten.

Zur Charakterisierung der Frau in Marx‘ Werken sind ebenso hartnäckige Irrtümer verbreitet. Nicht wenige Feministen, die Marx nicht selbst gelesen haben, stellen sich unter dem Schlagwort Weibergemeinschaft, das sie irgendwo aufgeschnappt haben mögen, eine Herrschaftsform einer weiblichen Clique über die Männer vor. Es mag auch viele geben, denen die besagte Stelle im Kommunistischen Manifest unverständlich ist, weil sie sich angesichts der den Diskurs dominierenden genderistischen Märchen über eine angebliche biologische Gleichheit der Geschlechter nicht vorstellen können, dass Frauen gerne Parasiten und Sexobjekte sind, dass sie z. T. andere Bedürfnisse als Männer haben.

Genau besehen ist die zitierte Passage aus dem Manifest ein Bekenntnis zur Emanzipation der Geschlechter aus ihrem vom Privateigentum beherrschten Verhältnis. Frauen sollen nicht länger durch die Ehe an einen Partner, einen Bourgeois, gebunden sein. Damit würde sich der Zugang zu weiblicher Gesellschaft auch für die bislang ausgegrenzte Masse der Betas öffnen. Männer und Frauen erhielten die maximale Wahlfreiheit in der Partnerfindung. Die Weibergemeinschaft würde die Promiskuität nicht notwendigerweise erhöhen. Sie würde lediglich die Beantwortung der Fragen sexueller Attraktivität und Selektion den Beteiligten überantworten, sodass Männer und Frauen Beziehungen unter sich aushandeln können und sich weder Kapital noch Staat einmischen. Da es kein Privateigentum mehr gibt, kann die neue Weibergemeinschaft nicht von Frauen ausgenutzt werden, um sich zu prostituieren oder anderweitig ihre Sexualität zu monopolisieren und Männer damit zu erpressen und auszubeuten. Die Weibergemeinschaft wird im Kommunismus im dreifachen Sinn aufgehoben sein:

  1. Die Weibergemeinschaft wird beendet sein, weil keine Frau mehr als Ehefrau, Freundin oder sonstige Nutte Männer vom Zugriff auf ihren Körper als Sexualmittel gewaltsam ausschließen muss. Da der Staat abgestorben sein wird, hätte sie auch nicht mehr die nötigen Gewaltmittel, um Männern ihren Willen aufzuzwingen. Neben der Befreiung des Mannes von sexueller Versklavung impliziert diese Entwicklung auch die Befreiung der Frau aus der Ausschließlichkeit einer monogamen Beziehung. Eine Frau kann sich nun ohne schlechtes Gewissen und ohne einen Wirt zu verlieren – sie hatte nie einen – so viele neue Partner suchen wie sie will. Frauen sind keine Parasiten mehr, Männer keine Wirte mehr.

  2. Die Weibergemeinschaft wird bewahrt werden, nicht als geschäftliches Arrangement des Feminats, sondern in einer anderen Form als freie Assoziation von Individuen, die den Zweck verfolgen, sich zu lieben oder sexuelle Handlungen vorzunehmen.

  3. Die Weibergemeinschaft wird auf eine höhere Stufe gehoben sein, indem sie erstens verallgemeinert ist. Nicht nur Frauen werden freien Zugang zu Sexualität und Liebe haben, wie das heute der Fall ist. Die Diskriminierung der Männer im heutigen Feminat wird beendet und auch Männer werden sich gleichberechtigt beteiligen können. Die heutige allgemeine Männergemeinschaft, auf die Frauen schon immer zurückgreifen konnten, wird ergänzt durch eine Weibergemeinschaft für alle Männer. Zweitens wird die Weibergemeinschaft von den Beschränkungen, die ihr der Warentausch auferlegt, befreit. Intimität und Zuneigung werden nicht mehr den Zwängen des formal gerechten Tauschs unterliegen. Männer müssen nicht mehr über die Vergeltung von Sex mit Sex hinaus der Feminatsfrau einen Profit bezahlen. Die Geschlechter werden in dieser Hinsicht gleichberechtigt sein. Jeder wird nach seinen Fähigkeiten geben und nach seinen Bedürfnissen nehmen.

Marx hat intuitiv und aufgrund seiner Erfahrung erfasst, was die Evolutionsbiologie inzwischen etabliert hat: Männer und Frauen unterscheiden sich naturbedingt in ihrer Biologie und Psyche und haben deshalb teils unterschiedliche Bedürfnisse. So sind Frauen z. B. für moderne industrielle Tätigkeiten kaum geeignet, während Männer sich auf vielfältige Weise neuen Herausforderungen stellen und der Motor der Innovation sind. Der Kapitalismus wird diesen genetisch bedingten Geschlechterrollen nicht gerecht. Damit Menschen aller Geschlechter, mit jeder Neigung und Fähigkeit, in ihrer Individualität respektiert werden und für sich individuelle Entfaltung und höchste Selbstbestimmung erringen, haben Marx und Engels, indem sie in ihren Schriften für die kommunistische Bewegung eintraten und eine wissenschaftliche Kritik der kapitalistischen Ökonomie ausarbeiteten, ein heute noch aktuelles emanzipatorisches Programm vorgelegt und begründet, in dem Männer und Frauen des Proletariats ihre jeweiligen Interessen berücksichtigt finden.

Kommentare zu: "Was ist die Weibergemeinschaft?" (1)

  1. […] Entsprechend ist der rationalste und effizienteste Weg, Partner zu finden und zu behalten, die Weibergemeinschaft in einer kommunistischen […]

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