Vom Überleben als männliche Lesbe im kapitalistischen Feminat

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Weibliche Privilegien verursachen das Leid der männlichen Lesben

Besonders zwei Privilegien von Frauen in unserer Kultur verursachen das größte Leid für männliche Lesben:

  1. Frauen genießen das Recht auf Passivität in Beziehungen. Einer Frau erwachsen keine Nachteile aus einem zurückhaltenden Temperament. Ihr wird zugestanden, teils von ihr sogar erwartet, dass sie passiv ist. Passivität ist im Rahmen ihrer Geschlechterrolle akzeptiert.
  2. Frauen haben das Privileg, dass ihre Gesellschaft vom anderen Geschlecht aktiv gesucht wird. Sie werden umworben und können eine Wahl für einen Partner durch Ablehnung der unerwünschten Bewerber treffen. Das Risiko der Zurückweisung gehen Frauen nicht ein.

Daraus wird klar, warum Love-Shyness nur bei Männern vorkommt und nur scheinbar eine psychische Störung ist. Tatsächlich wird sie gesellschaftlich durch ein System von Normen konstruiert. Love-Shyness ist nichts weiter als ein atypisches Verhalten für die Geschlechterrolle, die die Gesellschaft allen Personen mit männlichem Körpergeschlecht zuweist. Das Verhalten ist konsistent mit der tatsächlichen weiblichen Geschlechterrolle der männlichen Lesben. Männer und ganz besonders männliche Lesben sind also Opfer eines tiefgreifenden Sexismus. Allein aufgrund des Körpergeschlechts wird eine Hälfte der Menschheit bei der Partnersuche und bei der Pflege romantischer und sexueller Beziehungen diskriminiert.

Die weibliche Geschlechtsidentität der männlichen Lesbe erschwert ihr, mit den gesellschaftlichen Anforderungen an sie „wie ein Mann“ umzugehen. Daher ist sie viel sensibler für die Diskriminierungen, unter denen alle Männer zu leiden haben. Gilmartins Beobachtungen stützen dies:

Again, there is the quite frequently recurring theme in the loveshys‘ conversations that males, unlike females, are „dispensable“ and „surplus“— that they count for much less as human beings than females do; and that their feelings and emotional needs count for nothing. I think these feelings are largely due to the deep-seated introspective tendencies that are endemic in highly inhibited, love-shy people. And they are undoubtedly also due to the heavy amount of bullying and mistreatment the love-shys had been forced to endure throughout all their years of growing up.

(Gilmartin: Shyness and Love, S. 428; Hervorhebung im Original)

Ein einzelner Mann ist in dieser Gesellschaft entbehrlich. Andere stehen bereit, ihn zu ersetzen. Männer sind Menschen zweiter Klasse. Es ist fraglich, ob Männer unter diesen Umständen überhaupt Liebe von einer Frau finden können, solange sie von Frauen in jeder Hinsicht ausgenutzt und verachtet werden. Gilmartins Vorschlag, Love-Shyness an den Love-Shys zu therapieren, halte ich nicht nur deshalb für verfehlt. Sie müssten sich immer noch mit denselben Frauen abgeben und hätten zusätzlich ihre eigene weibliche Persönlichkeit dabei zerstört.

Sich auf das Problem der Ausbeutung zu konzentrieren ist daher zielführender. Die Situation der Love-Shys scheint mir, wie auch manche Fragen des Maskulismus und des (traditionellen, libertären) Feminismus, eine Sprengkraft aufzuweisen, die die kapitalistische Gesellschaft zu transzendieren vermag. In einer kommunistischen Bewegung könnten sich alle ausgebeuteten Männer und Frauen zusammenschließen – ob sie nun von Frauen oder vom Kapital ausgebeutet werden – und gemeinsam die Ursache ihres Elends, im Wesentlichen das Privateigentum an Produktionsmitteln, überwinden.